Lärmschutzwände brechen zusammen
Veröffentlicht am Donnerstag 23 Oktober 2008 11:26:44 von Uwe_Schroeder
Bei jedem ICE 3 wackelt die Wand Zitiert aus der Westfalenpost: Köln. Die Wände wackeln und sie lösen sich in ihre Einzelteile auf. Kein schlechter Witz, sondern Wirklichkeit: Der Lärmschutz an der 177 Kilometer langen ICE-Trasse Köln-Frankfurt taugt nichts. Gefahr ist in Verzug. Die Wände müssen ausgetauscht werden. Die Panne kostet 150 Millionen Euro.
Das Video verblüfft und erschreckt. Der ICE rauscht vorbei - und die Wand aus Aluminium wackelt. Aber wie. Der Zuschauer traut seinen Augen nicht. Lärmschutzwände, solide gebaut, stellt er sich anders vor. Ein Mitarbeiter der Deutsche Bahn (DB)-Projektbau, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: „Die Wände sind zu nah und zu hoch gebaut, und die Züge zu schnell.” Wenn der ICE 3 mit 300 Sachen in 76 Minuten vom Rhein an den Main donnert, entstehen Schwingungen, die die Wände nicht aushalten. Die Nieten der Aluminiumträger springen ab, der Beton bröselt. Und die Teile, die den Lärm aufsaugen sollen, landen im Gleisbett. Bilder einer möglichen Bahnkatastrophe wollen wir an dieser Stelle nicht ausmalen.
„An den Stellen mit den Schutzwänden überschneiden sich die Frequenzen, und die Schwingungen schaukeln sich hoch”, sagt Klaus Lublow, Sachverständiger für Lärmschutzelemente aus Bönen. „Der gleiche Effekt entsteht, wenn Soldaten im Gleichschritt über eine Brücke gehen würden.” Bei der Suche nach dem Schuldigen des verpfuschten Lärmschutzes schieben sich die Beteiligten die Schuld gegenseitig zu.
Die Baufirmen sagen, die Bahn habe es versäumt, das Regelwerk für den Neubau der Lärmschutzwände entsprechend der Anforderungen zu beschreiben. Ihr Gutachter Gerhard Hanswille, Universität Wuppertal, hält die Schutzwände gar für eine als Fehlkonstruktion. Wandelemente, Pfosten, Pfähle und Schweißnähte seien angesichts enormer Beanspruchung ungeeignet. Die Bahn sagt, die aufgetauchten Probleme gehörten, wie es ein Gutachten des Braunschweiger Stahlbau-Fachmanns Udo Peil beschreibt, „zum Grundwissen eines jeden konstrutiven Ingenieurs”.
Dirk Windelberg, Sprecher der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm kann sich über die Haltung der Bahn nur wundern: „Jeder Bundesbürger schaut doch nach, ob die Handwerker ihre Arbeit ordentlich machen.” Er verfolgt mit großem Interesse, wie Bahn und Firmen wechselseitig Gutachter gefunden haben, die ihre Sicht der Dinge bestätigen.
Den Pfusch am Lärmschutz hängt niemand an die große Glocke. Im Vorfeld des Börsengangs der Bahn feiert die Verschwiegenheit Triumphzüge. Bahn, Bund und Firmen einigten sich im März außergerichtlich über den Austausch. Für 150 Millionen Euro, jede Partei trägt ein Drittel der Kosten, werden sie komplett neu ersetzt. Sie sind aus Beton, die Pfosten stehen dichter, und sollen 50 Jahre halten. Mit Einzelheiten hält sich der Sprecher der DB Netz AG in Frankfurt auf Nachfragen zurück: „Zu der Vereinbarung mit der Industrie gibt es keine Stellungnahme.” Bis Mitte 2010 sollen die Arbeiten abgeschlossen werden. Erst dann heißt es: Bahn frei für den ICE 3 mit 300 km/h.