Güterbahn: Wut der Anlieger
Veröffentlicht am Montag 02 Mai 2005 18:53:38 von igschiene
Diskussion: Im Bezirksamt Nord machten Hunderte ihrem Ärger über die Bahn Luft.
Die Atmosphäre im Saal war gespannt. Gereizt. Geladen. Immer wieder unterbrachen Zuschauer die Diskussion mit Zwischenrufen. Der Umwelt-Ausschuß Hamburg-Nord hatte zum Gespräch über die Erweiterungsmaßnahmen der nördlichen Güterumgehungsbahn geladen. Und die vom Schienenlärm betroffenen Anwohner kamen zu Hunderten ins Bezirksamt Nord. Wut im Gesicht, die Fäuste in den Hosentaschen geballt.
Der Grund für das Treffen: Das Unternehmen will die Güterumgehungsbahn zwischen Eidelstedt und Horn, also durch die Stadtteile Stellingen, Niendorf, Lokstedt, Groß Borstel, Eppendorf, Barmbek, Dulsberg und Eilbek "ertüchtigen". Das ist Eisenbahnjargon, meint: "Wir erneuern Schotter, Schwellen, Schienen", so Bahn-Lärmschutz-Experte Stefan Carstens. 60 000 Hamburger sind direkt oder indirekt betroffen. Statt der 30 Züge sollen künftig 84 Züge fahren, mit Tempo 80 statt bisher 60. Und das ganze ohne aktiven Lärmschutz. Heißt: ohne Lärmschutzwände (wir berichteten).
Empört reagierten die Anwohner auf die Ausführungen der DB Projektbau GmbH zu den geplanten Schutzmaßnahmen. Laut Gutachten sind nur 229 von 436 Gebäuden entlang der 15,3 Kilometer langen Strecke passive Maßnahmen geplant, schalldichte Fenster und Lüfter sollen eingebaut werden. Die Kosten übernimmt zu 75 Prozent der Bund, 25 Prozent müssen die Hauseigentümer tragen.
"Das ist einfach unerhört. Unser Schlafzimmer liegt auf Höhe der Schienen, neun Meter von den Gleisen entfernt. Und auf unserem Streckenabschnitt ist keinerlei Lärmschutz vorgesehen", sagt Anwohner Klaus-Dieter Rösener. "Sollen wir tagsüber im Garten oder auf dem Balkon Ohrschützer tragen?" fragt Anwohner Jörg Lehmkuhl. Und Walter Ruckewitz von der Schutzgemeinschaft Querspange fragt sich, ob es sich nicht doch um eine Erweiterung der Nutzung handele, da künftig dreimal so viele Züge fahren würden wie bisher.
Die Bahn weist die Vorwürfe zurück, beruft sich beim Lärmschutz auf das Bundesimmissionsschutzgesetz. Demnach haben Anwohner nur Recht auf aktiven Schutz, wenn eine Strecke um- oder ausgebaut wird, nicht aber, wenn sie "ertüchtigt" wird.
Unterdessen räumte die Bahn eine Panne ein. Beim Lärmgutachten hatte sie die ersten 1,8 Kilometer der Strecke nicht berücksichtigt, obwohl dort, an der Lampestraße in Eidelstedt, mehrere hundert Anwohner betroffen sind. Jetzt soll der Abschnitt nachträglich ins Gutachten aufgenommen werden.
Rückendeckung beim Lärmschutz-Kampf bekommen die Anwohner von den Fraktionen im Bezirk Nord. "Die Bahn veräppelt die Bürger, wenn sie hier von Ertüchtigung der Strecke spricht. Das hier ist Ausbau", so der GAL-Abgeordnete Siegfried Diebolder. "Hier brauchen wir aktiven Lärmschutz." Die CDU-Abgeordnete Petra Wilske will gemeinsam mit SPD und GAL jetzt einen Runden Tisch gründen, an dem Bahnmitarbeiter, Behörde, Fraktionen und Bürger gemeinsam eine Lösung erarbeiten sollen. hk
erschienen am 20. April 2005 in Hamburg