Bahnlärm stört Anwohner
Veröffentlicht am Montag 02 Mai 2005 18:55:36 von igschiene

Eidelstedt: Zahl der Züge verdreifacht sich. 1,8 Kilometer wurden beim Schallschutz vergessen.
Von Hanna Kastendieck
Jedesmal wenn der Güterzug kommt, unterbricht Sabine Turan (38) das Gespräch. Walter Kästner (55) dreht den Fernseher lauter. Und Ute Holst (65) zieht sich mit dem Telefon aufs Klo zurück. Weil der Lärm unerträglich ist. Frau Turan, Herr Kästner und Frau Holst wohnen in der Siedlung an der Lampéstraße in Eidelstedt, direkt an der Güterumgehungsbahn bei Kilometer 0,9. 30mal am Tag donnert ein Zug vorbei. Und es kommt noch schlimmer: Bis 2010 soll sich die Zahl der Züge fast verdreifachen, das Tempo von 60 Kilometern pro Stunde auf 80 erhöht werden. Die Bahn saniert die 15,3 Kilometer lange Strecke zwischen Eidelstedt und Horn. Jetzt hat sie ein Lärmgutachten vorgelegt, das als Grundlage für Schallschutzmaßnahmen dienen soll. Allerdings: Die ersten 1,8 Kilometer wurden einfach vergessen.
Dabei wohnen am Streckenabschnitt 0,8 bis 1,1 mehrere hundert Menschen. Familien, die sich ihren Traum vom Eigenheim erfüllt haben. So wie die Turans, die vor fünf Jahren das Reihenhaus an der Güterbahn erworben haben und noch den Kredit abzahlen. Familien wie die Rossos, die im November neu eingezogen sind und sich auf den Sommer im eigenen Garten gefreut haben. "Ich verstehe nicht, warum die Bahn bei uns nicht gemessen hat", sagt Sabine Turan. Nachbarin Giovanna Rosso (43) ist empört: "Wir machen schon jetzt nachts kein Auge zu, der Lärm ist unerträglich." Und Anwohner Rainer Jensen (44) faßt zusammen, was alle denken: "Ungerecht ist das. Einfach ungerecht."
Peter Winter (55), Projektleiter bei der DB ProjektBau GmbH, weist die Vorwürfe zurück. "Das ist unglücklich gelaufen, wir werden das Gebiet jetzt in den Lärmschutz der S-Bahn-Strecke einbeziehen." Denn: Nicht nur die Gütergleise liegen an der Lampéstraße, auch die AKN-Bahn und die S 3 fahren im Minutentakt vorbei.
Unterdessen haben die Vorbereitungen für den Schallschutz entlang der Güterumgehungsbahn ab Kilometer 1,8 begonnen. 436 Gebäude entlang der Strecke wurden untersucht. 229 sollen mit schalldichten Fenstern gedämmt werden. Die Kosten für die passiven Lärmschutzmaßnahmen übernimmt zu 75 Prozent der Bund. Dieser kann bundesweit jährlich für Lärmschutz 51 Millionen Euro ausgeben. Den Rest zahlt der Eigentümer. Die Begründung: Wertsteigerung.
Die Anwohner an der Güterumgehungsbahn können darüber nur den Kopf schütteln. "Pro Dezibel mehr mindert sich der Wert der Immobilien um 1,7 Prozent", sagt Wolfgang Jäger (57) von der Interessengemeinschaft Schienenlärm. "Berechnungen haben gezeigt, daß der Lärm um zehn Dezibel steigen wird." Die IG Schienenlärm fordert daher aktiven Lärmschutz in Form von Lärmschutzwänden. Sabine Müller (45), Mitarbeiterin der DB ProjektBau, macht da keine Hoffnung: "Wir wollen die Bürger nicht im Stich lassen, aber wir können auch nicht jeden Herzenswunsch erfüllen", sagt sie. Es gebe Orte in Deutschland, die weitaus lauter seien. "Im Rheintal donnern alle zwei Minuten Güterzüge vorbei, da kann man sich Tag und Nacht nicht unterhalten", so Müller. "Dagegen ist das hier ein idyllisches Fleckchen."
. Die Bahn und die Behörde für Stadtentwicklung informieren am 19. April im Bezirksamt Nord (Robert-Koch-Straße 17) über den Ausbau der Güterumgehungsbahn. Beginn: 18 Uhr.
erschienen am 16. April 2005 in Hamburg